Ich habe hier noch nie ein Buch besprochen. Das ist also eine Ausnahme. Ich finde sie berechtigt. Als Kanzlei für Arzthaftungsrecht, Schmerzensgeld und Personenschäden beschäftigen wir uns seit vielen Jahren mit „Ärztepfusch“, Schmerzensgeld und Personenschäden. Damit beschäftigt sich die Autorin auch, stellt einige Fälle von Fehlbehandlungen vor „Behandlungsfehler am laufenden Band“, wie sie sagt. Dem können wir als Fachanwälte nichts hinzufügen. Die Fälle, die dort beschrieben sind, könnten auch Fälle aus unserer Kanzlei sein. Besonders Interessant ist die Lektüre des Buches für mich, weil es sich mit dem Gesundheitssystem insgesamt beschäftigt. Hier ist natürlich noch viel mehr faul, als die hohe Zahl der Behandlungsfehler, der Hygieneverstöße und der Todesfälle. Vorgeführt werden die Selbstzahlerleistungen (IGeL), Korruption durch Ärzte und Apotheker, das Problem der Pharmaindustrie, die Gefahren durch Keime in Krankenhäusern, die ungleichen Chancen verschiedener Arztgruppen (etwa die schlechte Lage der Kinderärzte). Insgesamt gibt es so viel zu monieren, dass die Autorin das gesamte Gesundheitssystem in Frage stellt. Das ist eine gute Frage, auf die es keine gesicherte und auch keine erfolgversprechende Antwort gibt. Eines ist aber nach der Lektüre dieses Buches (und auch eigner Erfahrungen) klar: Wenn der Trend weiter anhält, Patienten vornehmlich als Einnahmequelle zu betrachten, wird es noch viel weiter bergab gehen. Wer das anzweifelt, sollte das Buch lesen; wer dem zustimmt sollte das Buch auch lesen, er wird bestimmt etwas finden, das er bisher nicht zu ahnen wagte.

Lovis Wambach (12.04.2017)